15 Dezember, 2008

Keine Tränen, mit fünf Jahrzehnten Verspätung.

Ich weine normalerweise so gut wie gar nicht. Man könnte jetzt darüber diskutieren warum, aber das lassen wir schön brav sein. Weil es gestern eh schon mal wieder so weit war, dass ich beinahe. Weil ich SIE wiedergehört habe.
Kathleen Ferrier.

Die englische Altistin. Deren Seele durch ihre Stimme mitten in die meine geht. Eine Stimme, in deren dunkler, fragiler Tiefe man ertrinkt. Meine klassische Lieblingsstimme aller Zeiten.

Mir war ziemlich lang nicht nach Klassik, irgendwie. Vielleicht, weil das mit dem selber nicht singen noch zu weh tut. Aber auch das lassen wir jetzt.




Unsere erste Begegnung war nicht wirklich geplant. Ich war irgendwie im Arcadia-Shop unter den Opernarkaden, keinen Ahnung, was ich gesucht habe, vielleicht Skovhus-Devotionalien (ja, ja, jung und dumm). Dann war auf einmal diese Stimme über mir. Und ich bin nur dagestanden und hab zugehört. Minutenlang einfach nur gestanden. Nicht schlecht für ein siebzehnjähriges Mädel, Frau Ferrier. Aber ich wolle ja mich ja eh nicht wegbewegen. Wolle einfach nur zuhören, so gefangen war ich. Und zuhören. Und zuhören.

Die Geschichte hinter der Stimme habe ich erst später erfahren. Ferrier war Telefonistin, hat erst mit knapp 30 mit der Gesangskarriere begonnen, und war kaum zehn Jahre später schon nicht mehr. Brustkrebs.
Mit 41. F**k.

Natürlich ist das Timbre und die englische Gesangstechnik nicht jedermanns Sache. Auch die Tempi finde ich offen gestanden ziemlich oft viel zu, sagen wir mal getragen. Aber ich liebe ihre Stimme, vor allem bei den englischen Sachen (Britten, Händel, Volkslieder).

Im Oktober war ihr 55. Todestag. Nichts ist von ihr selbst geblieben, nur eine Gedenktafel im Londoner Golder´s Green-Krematorium. Aber ihre Stimme gibt es immer noch. Und das ist ein Trost.