11 Februar, 2009

Herz-hafter Schwachsinn oder: Hallo, das sind 30 Schilling!

Es gibt im Pressejargon einen Ausdruck für harmlose, aber lästige Leutchen, die irgendwie an Presseausweise gekommen sind oder ab und an für völlig unbedeutende Blättchen schreiben, aber auf jeder Pressekonferenz die Brötchenbufftes leeressen. Heute gab es für diese Earls (und Ladies) of Sandwich Vollkorn-Gemüseweckerl. Aber der Reihe nach.

Im Gegensatz zum Rosselini-Event von gestern war das heute eine PK, wie sie eigentlich nicht sein sollte. Der Anlass: Das Herz-Weckerl, eine Initiative der Stadt Wien zur gesunden Erährung wird auf den ganzen Bundesbereich ausgeweitet, und Milch gibt´s auch noch. Super. Aber mein ChefRed wollte das für die Society-Seite, mit Vermerk am besten persönlich, und man ist ja willens.
Jedenfalls fand das ganze im Kammerl neben dem Ströck in der U1-Station Stephansplatz statt. Nicht wirklich glam, aber bitte. Als ich jedenfalls kurz vor 9.30 anstöckelte, was das Ganze schon relativ sehr voll. In der Journalistenliste hatten sich aber erst sieben oder acht Leute vor mir eingtragen. Die Kollegen, die da waren (und nach mir kamen) mussten jedenfalls stehen, weil die Tische und Sessel vor lauter älteren Herrschaften belegt waren, sie sich schon fleissig über das Buffet hermachten (und während der PK natürlich keine Anstalten machen, auch nur Ansatzweise etwas mitzuschreiben.) Die Profipresse steigt dafür aber gegenseitig auf die Zehen, und ich hatte kaum Platz, um mein kleines Moleskine zu zücken.
Mühsam.
(Fertige Pressemappen gab es übrigens nicht, die wurden vor Ort für uns gefaltet, direkt vor unseren Augen).


(Ich hasse Gurken und Körndlweckerln, aber das nur am Rande...)


Am Podium jedenfalls ein dementsprechender Minister (die Kdolsky hat man sich ja wenigstens gemerkt), eine Stadträtin, der Fondschef, ein Oberbäcker und der Milch-Mobster, Verzeihung, ein hohes Tier bei der AMA (Argrarmarkt Austria). Die heiße Luft , die das Queintett so von sich gegeben hat, hätte gereicht, um sämtliche Herzweckerl der Stadt kross und knusprig zu backen. Und mittendrin ich, die fast ihre Zunge frühstückt und sich vorsagt, nein, du darfst nichts einwenden, nein, du schreibst Society, nein, das ist nicht dein Kaffee, nein... Definitiv mühsam, und das auf leeren Magen.

Jedenfalls ging es darum, wie man an die ungesünderen Zielgruppen rankommt, an die Gestressten, die sozial Schwachen, die MiMis (mit Migrationshintergrund). Gute Idee, miese Ausführung.
Der Minister – oder vielleicht aus die Stadträtin – meine nämlich irgendwann allen Ernstes: Das Weckerl koste ja nur 2.20€, das wäre seines bzw. ihres Erachtens nach doch bitte ein fairer Preis, das könne sich doch jeder leisten.

Hal-loh? Marie Antoinette? Das sind 30 Schilling, für ein karottengefülltes Weckerl! Viele Leute kaufen sich ja auch nur deshalb sie Extrawurstsemmel, weil sie sich gar nichts anderes leisten können. 90 Cent finden sich im Budget, aber über zwei Euro?
Wenn sie das Ding sponsern würden und es einen Euro kostet, dann würde ich die Initiative ja noch verstehen, aber so kaufen es sich die üblichen anorektischen, konspitzmümmelnden Marketingassistentinnen/Chefsekretärinnen/Germanistikstudentinnen, aber an die anderen kommt man sicher nicht ran.

Dann sagte Frau Stadträtin noch, das sei eine wirkliche Alternative zu Topfengolatsche und Nougatkipferl. Ähm... ich hab noch nie von jemandem gerhört, der sich statt eines Powidltascherls ein gurkengefülltes Körndlteil gekauft hat, sorry.

Der Leiter von Fonds Gesundes Österreich gab relativ viel Marketingsprech von sich (wenn ich die Phrase "wir müssen die Leute dort abholen, wo sie stehen" noch mal höre, schreie ich), der Bäckerinnungsmeister lobte das Brot, der AMA-Chef seine Milch... und irgendwann bin ich dann gegangen. Wenn ich schon eine Platzangstattacke kriege, soll die wenigstens einen glamouröseren Grund haben als eine blöde Semmel.

In der ganzen halben Stunde wurde über alles geredet, nur über eines nicht: nämlich, wie das Ding schmeckt. Gesund, jaa, das ist die Hauptsache, weil alle Leute nur die Sachen essen, die gesund sind. Sowas lapidares wie der Geschmack ist nicht wichtig.
Und genau da liegt meiner Ansicht nach der Fehler in all diesen Kampagnen. Weil sie Angst machen. Oder an die Vernunft appelieren. Und nicht über den Magen gehen.
Mein Mittagessen gestern: Erbsensuppe, dazu eine Paprika und als Nachtisch eine Orange. Weil es gesund ist??? Nein, weil es schmeckt. Weil ich es liebe, wie die frische, leicht süße Innenwand der sonnenorangen Paprika meine Zunge berührt, weil ich den Moment vergöttere, in dem meine Zähne das knackige Fleisch durchbrechen und die Säfte freisetzen, weil...

äh, Moment, muss dringend mal in die Küche, mir eine Paprika holen...

ah, herrlich, Paprika, Verzeihung, wo waren wir?
Der Genuss, das ist der Schlüssel zu einem besseren Leben. Das Vernügen. Das Wohlbefinden, und nicht nur die Phrase, sondern das echte Erlebnis.

Abgesehen davon, dass es unrealistisch ist, dass die Leute von Leberkäse-Semmel auf Vollkorn-Herzweckerl umsteigen. Auch, weil es zu wenige Sachen zwischen den Extremen gibt, die den Leuten helfen, sich graduell an das Gesunde ranzutasten. Ich fände es gut, Sachen zwischen diesen beiden Polen einzubauen, zB die Wurst- oder Schinkensemmel mit frischen Karotten und Sprossen (so wie das Fußballweckerl vom Ströck, dass ich mir manchmal kaufe).
Sei´s drum, jetzt hol ich mir noch eine Paprika. Einfach weil.

PS: Einige der Anwesenden waren übrigens angeblich Mitarbeiter der Wiener Gebietskrankenkassa. Warum die bei der PK anwedend sein mussten und der Presse den Platz weggenommen haben, darüber hüllte man sich in herzhaften Schweigen...