24 Juli, 2009

Flut und Tränen

Eigentlich sollte ich schlafen. Sitze aber rum, mit einem flauen Gefühl im Magen. Und grüble.

Ich habe heute das erste Mal in meinem Leben miterlebt, miterleben müssen, wie ein Mensch blutig geprügelt wird. Aus heiterem Himmel. Saß mit meiner Freundin E. im D-Wagen, vor uns hat sich ein schwer betrunkener Obdachloser hingesetzt, der irgendwie mit seinem Sitznachbarn in Streit geraten ist, ihn beflegelt und wohl auch bespuckt hat. Der junge Herr hat darauf völlig Nerven/ Kontrolle/ Contencance verloren und auf den alten Mann eingedroschen, mehrmals, bis seine Begleiterin und auch wir ihn abhalten konnten. Der Jüngere und seine Freundin verzogen sich dann keppelnd in den vorderen Wagenteil. Und wir waren für einen Moment eigentich nur schockiert.

Der Alte hat ziemlich übel ausgeschaut. Platzwunde auf der Stirn, Veilchen im Anflug, Blut rann ihm übers Gesicht. Gottseidank ist er irgendwie ruhig geblieben, hat nicht weiter randaliert. Wir haben ihm zumindest ein Taschentuch gegeben, damit die Wunde aufhört zu bluten, und sind dann nach vorne gegangen, um den Schläger anzusprechen.
Die anderen Passagiere haben geschwiegen, aber E. und ich konnten nicht einfach nur Klappe halten. Wir haben den jungen Mann dazu gebracht, dass er sich zumindest entschuldigen geht (unwillig), ihm klar gemacht, dass er völlig überreagiert hat, dass das eine Straftat war, Körperverletzung, und dass man ihn eigentlich anzeigen sollte.
Der Odbadchlose wollte aber keine Polizei, keine Rettung, irgendwie schien er nicht realisiert zu haben, was ihm passiert ist. Wir haben dann noch mit ihm geredet, waren nett zu ihm, und sind dann ausgestiegen. Mir war zum heulen, und ich hab mir einen halben Liter Bowle gegönnt auf den Schreck. Ja, doch, ziemlich sehr viel Alkohol für Miss Höchstens-einen-Sommerspritzer-bitte. Daran merkt man, wie bestürzt ich war.

Und jetzt sitze ich da, und merke, wie sehr mir das Ganze im Magen liegt. Frage mich, ob wir richtig reagiert haben, ob wir nicht doch auf Rettung und Polizei hätten bestehen sollen. Ich war ja dafür, E. dagegen, meinte, dass es nichts bringt. Ich hab beschlossen, ihr zu vertrauen. E. leitet eine soziale Einrichtung und arbeitet seit 15 Jahren mehr oder minder in dem Gewerbe. Aber es nagt an mir. Auch, weil ich selten so ein Bündel Elend gesehen habe wie diesen betrunkenen alten Mann. Deprimierend, ohne Ende.

Anderseits ist mir klar, dass eine Anzeige und Verurteilung für den jungen Mann wohl zu einer ziemlichen Stolperfalle werden könnte, zumindest, wenn er unbescholten ist. Wenn man weiß, dass er vielleicht den alten Mann etwas zahlen muss, und Sozialdienst leisten oder so, dann fällt einem eine Anzeige auch leichter.
Andererseits frage ich mich, ob der Typ nicht ein Schläger war, den wir haben davonkommen lassen. Oder warum er sonst so überreagiert hat.
Ob es daran gelegen ist, dass er ganz offensichtlich Migrationshintergrund hatte? Ich tippe auf mittleren Osten oder Indien/ Indonesien, schwer zu sagen. Fühlt er sich in seiner (männlicher) Ehre gekränkt? Ist er schon öfters befleget oder bespuckt worden, selber gedemütigt und unterdrückt worden?

E. und ich haben im Gegensatz zu den anderen Menschen wenigstes etwas gemacht. Aber war es richtig? Und war es genug?

Ich weiß es nicht.

PS: Der Straßenbahnfahrer hat genau gar nichts gemacht, nicht mal reagiert, der Feigling. Vielleicht sollte man den Wiener Linien mal ein Mail schreiben...

PSPS: Auch schockierend, irgendwie: die Sturmschäden in Nussdorf, besonders im Lehár-Schlössl, Schlamm überall, dann Staub. Das war heute nicht nur meine erste Prügelei, sondern auch das erste Mal, dass ich (wenn auch eher milde) Hochwasserschäden gesehen habe. Könnte auf beides verzichten, danke.